Gastgedicht von Petra Richter: „Schorsch sucht eine Frau“

Zum Advent gibt es wieder ein Gedicht von Petra Richter. Vielen Dank. :) (Und ihre anderen Gedichte und Texte finden sich hier: klick.)

Schorsch sucht eine Frau

Die Welt ist voll von Spinnern,
An einen lieben mag man sich alljährlich gern erinnern.
Das ist der Räucherschorni, wisst ihr noch?
Schorsch, na klar, man kennt ihn doch.

Man weckt ihn auf in der Kiste,
Mit Sicherheit hat er ne neue Idee auf seiner Liste?
Und ob: Was? Ne Frau!
Vor Schreck ich mir den Fingernagel zerkau.

Ich soll eine herbeischaffen,
Er würde gern in Gesellschaft paffen.
Er möchte die „richtige“ Frau,
Und die beschaut er sich dann auch ganz genau.

Dieser Wunsch ist ja zu verstehn,
Also werd ich auf die Suche gehn.
Alten, jungen, dünnen, dicken
Muss ich in die Augen blicken.

Ich bring ihm eine, die am Ofen strickt,
Eine, die ihm die Socken flickt.
Sind die Damen dabei geschickt,
Ist der Schorsch in ihrer Gesellschaft eingenickt.

Eine Andere will sein ganzes Geld verprassen,
Die Nächste sollte vom Alter besser zu ihm passen.
Ihm gefällt nicht das Modell aus dem Katalog von Bader,
Oder die Fimmeltante mit Wedel und Hader.

Abtreten lässt er in aller Kürze
Das Wesen mit Kiepe und Kittelschürze.
Ähnlich ergeht es dem Weiblein mit den vielen Töppeln,
Langweilig ist ihm, wenn er ihr zusieht beim Klöppeln.

Vor der Lady mit dem Kopftuch wie bei Witwe Bolte,
Er sich ebenfalls schnell trollte.
Nach der Person im schwäbischen Trachtenlook,
Nimmt er erst mal einen kräftigen Schluck.

Mit Zöpfen, fein geflochten,
Kamen Frauen, die backten und kochten.
Vor der Lehrerin mit Buch er sich ebenfalls ziert,
Den Gogsch findet er zu straff frisiert.

Mit nahm ich selbst die Hexe,
Vor der bekam er Minderwertigkeitskomplexe.
Nach dem Geschöpf mit den vielen Läppeln,
Sagt er, ich würd ihn veräppeln.

Dieses nicht und jenes,
Dieses Problem ist wieder kein kleenes.
Unproportional verlaufen meine Wegamplituden,
Ich find die richtige nicht in den vielen Marktbuden.

Er meint, sie soll nur mit ihm rauchen,
Und mit ihm in den duftenden Schwaden abtauchen.
Lieb wär ihm eine Stille,
Gern auch mit Brille.

Ich sag: „Schmauchen tun sie alle,
Du führst mich in die Abseitsfalle.“
Missmutig erwäg ich für ihn eine garstige Schnalle –
Im Umfang feist und besonders dralle.

Dann geht ihm plötzlich ein Anblick ganz nah,
Von einem Engel, den er im Fenster stehn sah.
Den hat ich mir selber mitgebracht,
Damit er in der Weihnachtszeit über mich wacht.

Er scheint dem Engel Signale zu senden,
Und kann den Blick nicht von ihr wenden.
Ich erklärt ihm schlicht,
„Solche Engelsfrauen rauchen nicht.“

Da sagt er ganz banal,
Das wär ihm egal.
Er möcht sie trotzdem haben,
Sich nur an ihrem Antlitz laben.

Das ist schon ein Bengel,
Der erwählt sich selbst den wunderbarsten Engel.
Doch im kommenden Jahr bin ich gleich auf der Hut,
Wenn er wieder irgendwelche Ideen kundtut.