Festival „Stains in the Sun“ – nicht mehr in Schwarzenberg

Zum 6. Mal findet in diesem Jahr das Festival „Stains in the Sun“ statt, nach fünf Jahren in Schwarzenberg zum ersten Mal in Raschau. Der Ortswechsel war nicht gewollt, wie es dazu kam, schildert der Veranstalter Agenda Alternativ e. V. in einem Statement, siehe unten.

Das Festival steigt am 8. September 2018, in der Woche gibt es außerdem drei andere Veranstaltungen, zwei davon in Schwarzenberg:

  • Montag, 3. September 2018, 19 Uhr: Diskussion „Sexualität und Diskriminierung in der DDR“ (BA Breitenbrunn)
  • Mittwoch, 5. September 2018, 19 Uhr: Film „In meinem Kopf ein Universum“ (Ritter-Georg-Klause, Schwarzenberg)
  • Freitag, 7. September 2018: Lesung „Texte gegen Ausgrenzung“ (Ratskeller Schwarzenberg)
  • Samstag, 8. September 2018: „Stains in the Sun #6“ (Parkplatz am Sportplatz Raschau)

Wer ist Agenda Alternativ? Dazu schreibt der Verein selbst:

//Zitat Anfang// Agenda Alternativ e. V. engagiert sich seit 2007 im Bereich politischer Bildung für junge Menschen im Erzgebirge. Mit der Thematisierung von Ausgrenzungsmechanismen wie Rassismus, Homophobie, Sexismus oder Antisemitismus soll das Interesse an Politik und die kritische Reflexion gefördert werden. Außerdem ist es ein Grundanliegen, Engagement junger Menschen aus der Region zu fördern, um nachhaltig die Demokratie zu stärken. Die Arbeit wird in Form von Zeitzeugengesprächen, Workshops, Filmvorführungen, Sportturnieren, Bildungsreisen oder Festivals realisiert. Dafür erhielt der Verein bereits fünf Auszeichnungen. Aktuell ist er für den ‚Deutschen Nachbarschaftspreis‘ nominiert. //Zitat Ende//

Statement von Agenda Alternativ: „Es geht um so viel mehr“

//Zitat Anfang// Vor elf Jahren beschlossen wir, es nicht mehr hinzunehmen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Wir gründeten Agenda Alternativ, weil wir überzeugt waren, dass Demokratie nur durch engagierte Menschen mit Leben gefüllt und beschützt werden kann. Nach über 50 Veranstaltungen und unzähligen Gesprächen mit jungen Menschen aus dem Erzgebirge sind wir uns dessen heute noch sicherer als damals.

Natürlich war klar, dass unsere Themenfelder und der Ansatz alternativer Kultur im Land des Schnitzens und Klöppelns mit Skepsis gesehen werden. Trotzdem haben wir es geschafft, uns als zuverlässiger und vertrauenswürdiger Akteur zu etablieren, dessen Vernetzung von anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren und Vereinen, der regionalen Wirtschaft hin zur Stadt-, Landes- und Bundespolitik reicht.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist seit fünf Jahren das „Stains in the Sun“-Festival. Mit jährlich über 500 Gästen aus dem Erzgebirge und darüber hinaus, mehreren Auszeichnungen, Spenden aus der Zivilgesellschaft und Fördermitteln aus dem stadteigenen Förderprogramm „sozial-genial“ zur Durchführung der Veranstaltung sowie einem stets friedlichem Verlauf, sahen wir die Veranstaltung als etabliert in der Stadt Schwarzenberg an. Wir sollten bei der Planung zur sechsten Ausgabe in diesem Jahr enttäuscht werden und wollen in diesem Statement beschreiben, was die letzten Monate passiert ist.

Schon nach der Durchführung im Jahr 2017 meldeten wir unseren Termin für 2018 bei der Stadt an, woraufhin dieser reserviert wurde. Wir kümmerten uns um Fördermittel und hatten diesmal das Glück, dass die umfangreiche Arbeit am Antrag für das Programm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ Früchte trug. Kurzum: Wir hatten früher als sonst finanzielle Planungssicherheit und konnten mit allen Interessierten Ideen sammeln sowie Pläne zu deren Umsetzung schmieden.

Parallel lief fortlaufend die Kommunikation mit der Stadtverwaltung. So früh wie möglich wollten wir einen Vertrag für das Naturtheater – der Location, in der das Festival bereits fünf Mal in Folge stattgefunden hat – unterschreiben, um Werbung regional und überregional zu starten. Mit Verweis auf einen Entscheidungsprozess im Stadtrat zur Satzung des Naturtheaters wurden wir vertröstet.

Der Stadtrat beschloss schließlich eine neue Satzung (Link: www.schwarzenberg.de/…/d…/dokumente/Naturtheater.pdf), in der jedwede politische Veranstaltung und die Nutzung durch Parteien oder politische Bewegungen des Naturtheaters ausgeschlossen werden. Unabhängig davon, dass wir eine zunehmende Depolitisierung des öffentlichen Raums als kontraproduktiv im Hinblick auf das Interesse an der Demokratie innerhalb der Bevölkerung halten, sahen und sehen wir diese Satzung nicht als etwas an, das uns oder unsere Arbeit betrifft. Unsere Veranstaltungen dienten stets nur dem Austausch und der Information und stehen keiner einzelnen Partei nahe. Unsere Arbeit dient nicht der politischen Agitation. Vielmehr handelt es sich um Politische Bildung, die wir stets im Sinne der Grund- und Menschenrechte und des Beutelsbacher Konsens gestalten. Hieraus eine politische Bewegung abzuleiten, erscheint uns konstruiert und mit Blick auf die Zunahme antidemokratischer und menschenverachtender Bestrebungen in unserer Gesellschaft zudem fahrlässig.

Nach dem Beschluss des Stadtrates gab es ein erneutes freundliches und zuversichtliches Gespräch mit der Oberbürgermeisterin Heidrun Hiemer und anderen Vertreterinnen und Vertretern der Stadtverwaltung. Uns wurde etwa ein Monat Zeit gegeben, um das gesamte endgültige Programm vorzulegen, auf dessen Basis über die Zulassung entschieden werden sollte. Für uns bedeutete das: Wir mussten Bands und Workshops in den Abendstunden nach der regulären Arbeit bzw. Schule anfragen und in Rekordzeit buchen. Alle, die schon mal eine vergleichbare Großveranstaltung durchgeführt haben, werden ahnen, was es bedeutet, innerhalb eines Monats alle Verträge im Ehrenamt auszuhandeln. Das Festival hat für uns aber einen hohen Stellenwert. In diesem Jahr besonders durch die Unterstützung vom Land Sachsen, auf die wir lange hingearbeitet haben. Wir haben uns also dahinter geklemmt und es irgendwie geschafft – auch dank dem unkomplizierten Kontakt zu den Booking-Agenturen und Bands. Der Antrag ging pünktlich mit drei Workshops und 11 Bands sowie einer ausführlichen Beschreibung der Stadt zu.

Wenige Wochen später im April die freudige Nachricht: In einem Dokument, unterschrieben von der Oberbürgermeisterin, wurde uns die Zulassung erteilt und uns die Zuverlässigkeit als Veranstalter bescheinigt. Es fehlte nur noch der tatsächliche Mietvertrag für das Gelände. Laut Aussage der Stadtverwaltung lag dieser bereits zur Unterschrift auf dem Schreibtisch der Oberbürgermeisterin. Wir schritten also mit unseren Planungen und der Öffentlichkeitsarbeit voran.
Es folgte ein Anrufmarathon unsererseits bei der Stadt, um nach dem Vertrag zu fragen. Immer wieder wurden wir vertröstet. Fast zwei Monate später schließlich wurde uns auf einmal nach einem erneuten Anruf unsererseits per Boten ein Schreiben zugestellt, indem die Absicht der Rücknahme der Zulassung durch die Stadt bekundet wurde.

Mit juristischer Beratung haben wir dazu eine Stellungnahme verfasst und sind für ein erneutes Gespräch ins Rathaus Schwarzenberg gekommen. Dort haben wir auf die Annahmen der Stadt und ihres Rechtsanwalts reagiert und Stellung bezogen. Es wurde jedoch schnell klar, dass Argumente und Diskussionen nicht erwünscht sind oder fruchten. Vielmehr wurde direkt versucht, uns mit einem alternativen, nicht mehr stadteigenem Gelände zu versorgen.

Angesichts der Ausweglosigkeit, vor die uns die Stadtverwaltung und deren Auslegung der Satzung des Naturtheaters stellte, trafen wir uns mit den Verantwortlichen des Alternativgeländes. Trotz eines guten Gefühls bei der ersten Begehung und keiner Äußerung von Zweifeln, wurden wir hier auch wieder zwei Wochen vertröstet und erhielten schließlich eine Absage mit einer ähnlichen Begründung: Politische Veranstaltungen seien nicht erwünscht.

Wie zu erwarten war, flatterte auch vor etwa einem Monat die Rücknahme der Zulassung bei uns ein. Darin enthalten sind Aussagen, die uns nur noch kopfschüttelnd zurücklassen. Neben Unterstellungen, die wir bereits im Gespräch ausgeräumt hatten, wird in der Absage auch angeführt, weshalb Agenda Alternativ als „politische Bewegung“ einzustufen sei: „Bereits die Ausrichtung des Vereins gemäß §1 Abs. 1 S. 3 der Vereinssatzung lässt darauf schließen, dass hier der Verein eine eigene politische Position und ein eigenes Vorstellungsbild von Gesellschaft hat, das gegebenenfalls vermittelt wird, wonach rassistischen, antisemitischen, sexistischen, nationalistischen und anderen demokratiefeindlichen Einstellungen innerhalb der Gesellschaft entgegengewirkt und über diese aufgeklärt werden soll.“

Uns wird also vorgeworfen, dass wir uns ehrenamtlich für Demokratie einsetzen. Dieses „eigene Gesellschaftsbild“ kennen die meisten übrigens auch als „Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“ (GG Art. 3, Abs. 1, 2 und 3).

Wir wollen nicht weiter auf das Schreiben eingehen. Dieser eine Punkt ist schon beispielhaft genug für das uns entgegengebrachte Misstrauen. Eine abschließende Klärung kann jetzt nur noch auf juristischem Weg erfolgen – auch wenn wir das dafür benötigte Vereinsgeld lieber für Veranstaltungen für junge Menschen im Erzgebirge eingesetzt hätten. Wenn jedoch jegliche Beratung und ernsthafte Diskussion abgelehnt wird, sehen wir keinen anderen Weg mehr.

Was wir gelernt haben: Agenda Alternativ stellt für die Stadtverwaltung und einen Teil des Stadtrats auch nach elf Jahren und mehreren Auszeichnungen keinen ernstzunehmenden und wertzuschätzenden Partner dar. Probleme, die wir ansprechen, werden ungeachtet der Faktenlage ignoriert, weil sie den Ruf der Stadt bedrohen. Worte fallen viele, Taten folgen keine.

Das sind alles bittere Erkenntnisse, von denen wir uns aber nicht entmutigen lassen.

Die gute Nachricht ist: Das „Stains in the Sun“ und die Themenwoche finden im Erzgebirge statt. Wir sind sehr froh, dass wir in Raschau mit dem Gelände am Sportplatz (direkt an der B101) eine schöne Ausweichlocation sowie die entsprechende Wertschätzung für unser Engagement gefunden haben. Es ist aufgrund dieser ganzen Geschichte noch wichtiger, dass ihr alle kommt, Gesicht zeigt und diese Nachricht teilt. Werft uns Idealismus vor, aber wir wollen diese Situation nicht akzeptieren und können nur mit euch allen das benötigte Echo erzeugen.

Also kommt am 8. September nach Raschau, singt und tanzt, diskutiert, lernt Leute kennen und feiert friedlich mit uns in die erzgebirgische Nacht hinein. Es geht dieses Jahr um so viel mehr! //Zitat Ende//

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