Ein Schwarzenberger in Amerika erzählt aus seinem Leben

Am Dienstagabend war in der Bücher Welt Schwarzenberg kein Stuhl mehr frei, Punkt 19 Uhr begann Helmut Fickenwirth aus Durham, New Hampshire, Amerika aus seinem Buch zu lesen. Das trägt den Titel „Von Einem der auszog die Freiheit zu suchen und was er stattdessen fand“.

Lesung Helmut Fickenwirth Photo by Andrea Groh, all rights reserved

Zweieinhalb Stunden erzählte der 76-Jährige aus seinem Leben. Er ist gebürtiger Schwarzenberger, hatte im Formenbau als Werkzeugmacher gearbeitet. 1956 war er in den Westen gegangen, 1957 nach Amerika. Schlecht habe er es nicht in Schwarzenberg gehabt, sagt er, aber er wollte nicht sein ganzes Leben lang denselben Weg zur Arbeit laufen, er wollte kein Spießbürger, kein „Otto Normalverbraucher“ werden. Nach Amerika, New York, zog es ihn, wo sein Onkel bereits einige Jahre lebte. 1958 folgte Helmuts Frau Helga ihm nach Amerika. Als sie in New Jersey lebten, waren sie Dauergäste in der Metropolitan Opera, auch wenn das Geld manchmal nur für einen Stehplatz reichte.

Vierzehnmal seien sie in Amerika umgezogen, hätten sich immer wieder neu erfunden. Helmut Fickenwirth hat in Amerika sein Studium nachgeholt, unter anderem hat er Germanistik studiert. Das Paar hat zwei Söhne bekommen, und Helmut Fickenwirth hat in den verschiedensten Jobs sein Geld verdient. So war er unter anderem als Dozent tätig, als Produktionsleiter, Geschäftsführer und Industrieberater. Mit 70 ging Helmut Fickenwirth in Rente, und er sagt jetzt, dass das Leben in Amerika schwerer sei als in Deutschland. Man müsse mehr arbeiten, mehr sehen, dass man gut über die Runden komme.

Seit einiger Zeit leben die Fickenwirths in Durham, New Hampshire. Durham ist eine Universitätsstadt mit 14.000 Einwohnern. Einige Dozenten der Universität hatten die Fickenwirths bei ihrem regelmäßig stattfindenden „Deutschen Abend“ zu Besuch. Da kamen Germanisten, aber auch Physiker. Die meisten Gäste verewigten sich mit ihrer Unterschrift auf Helga Fickenwirths Gästetuch. Über 300 Unterschriften sind bereits zusammengekommen.

Das Paar bezeichnet Amerika als seine Heimat. Kein Wunder, schließlich leben sie bereits mehr als 50 Jahre dort. Ihre Söhne haben Amerikanerinnen geheiratet, sie haben fünf Enkel. In der Familie wird dennoch Deutsch gesprochen, auch die Frauen der Söhne lernen die Sprache ihrer Schwiegereltern. Deutsch ist wohl eine Art Heimat für die Fickenwirths, so liest Helmut Fickenwirth jeden Morgen am Computer diverse deutsche Zeitungen und Zeitschriften, so die Zeit, den Spiegel und den Freitag.

Im Laufe des Abends erzählt Helmut Fickenwirth auch von ganz speziellen Begegnungen. So hat er bei seinen Besuchen in der Metropolitan Opera Elisabeth Rethberg gesehen – natürlich nur ihr Bild, aber immerhin. Die Sopranistin, die ebenfalls aus Schwarzenberg stammt, hat in den 1930er Jahren an dieser Oper gesungen. Ein berühmter Nachbar der Fickenwirths ist Dan Brown, dessen Familie aus der Gegend stammt.

Helmut Fickenwirth spricht von der „transatlantischen Schizophrenie“ – eine Hälfte der Seele sei immer auf der anderen Seite des Atlantiks. Ins Erzgebirge werden die Fickenwirths jedoch auch in Zukunft nur für Urlaube zurückkehren. Ihre Familie lebt nun in Amerika, dort ist ihr Zuhause. Die Freiheit habe er in Amerika gesucht, sie aber noch nicht gefunden, so Helmut Fickenwirth. Mit einem ganz speziellen Shirt hat er gegen beide George Bushs protestiert, und in seinem Berufsleben hat er die wirtschaflichen Umwälzungen in den USA ordentlich zu spüren bekommen.

Während ihres Schwarzenberg-Aufenthalts in diesem Juni logieren die Fickenwirths in der „Sonne“ in der Schwarzenberger Altstadt. In diesem Haus hat Helmut Fickenwirth vor rund sechs Jahrzehnten einmal gewohnt. Er erzählt noch viel mehr in den zweieinhalb Stunden: von seinem Bruder Herbert, der 1942 über Saloniki im Flugzeug abstürzte. Von seinen Lehrern an der Stadtschule, vormals Adolf-Hitler-Schule, dann Ernst-Schneller-Schule. Von seinem väterlichen Freund Walter Görz erzählte er, der mit ihm Schach spielte und ihm beibrachte, über Dinge ordentlich nachzudenken und sie zu hinterfragen.

Helmut und Helga Fickenwirth, Michael Schneider Photo by Andrea Groh, all rights reserved

Das Buch, die Biographie, hat fast 400 Seiten, viel Platz also für noch mehr Erlebtes, spannend und mit Humor geschildert. Das Buch ist nicht im Buchhandel erhältlich, man kann es bei Michael Schneider von der Bücher Welt bestellen. Fast 40 Zuhörer hatte Helmut Fickenwirth, für Lesungen in Schwarzenberg ist das eine gute Zahl. Zumal der Sommer endlich auch hierher gefunden hat und die Sommerferien begonnen haben…

Ich habe das Buch noch nicht gelesen, aber Auszüge daraus gehört und schon einmal reingeschmökert. Ich kann das Buch wärmstens empfehlen, es ist vieles, langweilig aber mit Sicherheit nicht.

© Text und Fotos Andrea Groh

2 Gedanken zu „Ein Schwarzenberger in Amerika erzählt aus seinem Leben

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